Finanzmarktkrise und Finanzmarktkapitalismus

Introduction

Der Hauptschaden, der durch die Finanzmarktkrise entsteht, ist in den Folgen der sich dadurch verschrfenden Wirtschaftskrise zu sehen, in den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die mit der Krise auftreten. Dies gilt sowohl fr die USA als auch fr die brige Welt.

Subprime-Krise und Bankenkrise

Angefangen hat alles auf dem Immobilienmarkt in den USA. Nachdem im Frhjahr 2000 die New-Economy-Blase an den Aktienmrkten geplatzt war, orientierten sich viele Anleger auf Immobilien. Die steigende, zum Teil spekulative Nachfrage nach Grundstcken, Husern und Wohnungen bewirkte einen krftigen Preisanstieg: Binnen fnf Jahren stiegen die Huserpreise um 100 Prozent. Dies zog eine Aufstockung der Hypotheken nach sich sowie einen Anstieg der Konsumausgaben, finanziert ber Schulden. Gesttzt auf den privaten Konsum prosperierte die US-Wirtschaft krftig. ber den Import auslndischer Gter und die Verschuldung im Ausland wirkte dies zugleich belebend auf die Weltwirtschaft. Solange die Immobilien im Wert stiegen, funktionierte dieses Modell. Millionen von US-Brger gelangten auf diese Weise in den Besitz eines Eigenheims, wenn auch belastet mit Hypotheken. Darunter auch viele Schuldner von nur geringer Kreditwrdigkeit, welche darauf hofften, ihre Schulden aus der Wertsteigerung ihrer Huser bezahlen zu knnen. Dies erwies sich jedoch von dem Moment an als Illusion, als die Immobilienpreise nicht mehr weiter anstiegen, sondern fielen. Inzwischen schulden viele Hausbesitzer den Banken mehr Geld als ihr Haus noch wert ist. Die Schulden mssen aus den laufenden Einkommen bedient werden, welche dafr hufig nicht reichen. Kredite werden fllig oder nur noch zu weniger gnstigen Konditionen gewhrt. Ein Verkauf der Immobilien ist nur unter Inkaufnahme von Verlusten mglich. Kurz: Der Immobilienmarkt in den USA ist kollabiert. Dass es nicht dabei blieb, sondern dass sich die US-Immobilienmarkt- und Hypothekenkrise zu einer weltweiten Banken- und Finanzmarktkrise auswuchs, erklrt sich nicht zuletzt aus der Art und Weise der Immobilienfinanzierung. Im Unterschied zu frher erfolgt heutzutage die Kreditierung des Immobilienerwerbs ber strukturierte Bankprodukte und ber eigens dafr gegrndete Zweckgesellschaften. Dem liegt die Praxis der Verbriefung von Krediten und der Platzierung entsprechender Finanzpakete am globalen Kapitalmarkt zugrunde. Zur Finanzierung dieser Transaktion emittieren die Banken kurzfristige Anleihen, asset backed commercial paper (ABCP), welche weltweit gehandelt werden. Mit der Krise am Subprime- Markt im Sommer 2007 gerieten auch diese Anleihen in den Strudel fallender Preise (Kurse). Darber hinaus kam es am Interbankengeldmarkt zu einer Vertrauenskrise, so dass viele Banken in Liquidittsprobleme gerieten. Ende 2007 schlielich weitete sich die Liquidittskrise auf ernst zu nehmende Solvenzaspekte aus (vgl. Weber 2008b). Die Folge war, dass im Frhjahr 2008 das Kreditgeschft einbrach. Damit war aus der US-Immobilienmarktkrise endgltig eine Banken- und Finanzmarktkrise geworden, welche faktisch alle Akteure und Finanzinstrumente erfasst. Indizien dafr sind sinkende Umstze im Kreditgeschft, hohe Abschreibungen bei hypothekenbesicherten Wertpapieren, Kreditausflle am Subprime- Markt, aber auch bei Konsumenten- und Kartenkrediten sowie Bankenfusionen und -zusammenbrche, auch wenn hier das Schlimmste durch das Eingreifen von Zentralbank und Staat bisher verhindert werden konnte.1 Die potenziellen Verluste und bilanziellen Wertberichtigungen summieren sich bis heute auf fast eine Billion US-Dollar. Das ist viel, auch wenn es sich dabei, gemessen am Weltfinanzvermgen, um nicht viel mehr als ein halbes Prozent handelt. Der grte Teil davon entfllt auf Abschreibungen auf Wertpapiere und schlgt sich in einer entsprechenden Reduktion der Brsenkapitalisierung der Banken nieder. Geschdigt werden dadurch vor allem die Aktionre der Banken und Anleger am internationalen Kapitalmarkt, die fr hypothekenbesicherte Wertpapiere von US-Emittenten zu hohe Preise bezahlt haben. Mitunter aber trifft es auch Steuerzahler, dann nmlich, wenn der Staat oder staatseigene Kreditinstitute fr den Schaden aufkommen.2 Die direkten Verluste aus den Subprime-Hypotheken schtzt der IWF auf 45 Milliarden US-Dollar. Sie gehen zulasten von Banken. Andere Rechnungen beziffern die Schadenssumme hher: im Worst-Case-Szenario knnten es bis zu 200 Milliarden USDollar werden (Sommer 2008). Hinzu kommen Ausflle bei Hypotheken, Unternehmenskrediten und Kartenkrediten, ferner Zwangsversteigerungen 3 und andere Negativeffekte in den USA, die aber kaum auf die internationalen Finanzmrkte durchschlagen werden. Viel gravierender ist, dass die Immobilien- und Finanzmarktkrise auf die reale Wirtschaft der USA ausstrahlt und den Konjunkturverlauf beeinflusst. Wie schon in der Vergangenheit 4, so wird auch hier evident, dass Finanzmarktkrisen im Finanzkapitalismus keine blo peripheren Strungen darstellen, sondern durchaus den Nerv des Systems treffen. Banken und Finanzmrkte bilden das Steuerungszentrum des gegenwrtigen Kapitalismus. Kommt es hier zu Funktionsstrungen, so hat dies Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Insofern ist der Hauptschaden, der durch die Finanzmarktkrise entsteht, in den Folgen der sich dadurch verschrfenden Wirtschaftskrise zu sehen, in den wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die mit der Krise auftreten. Dies gilt sowohl fr die USA, wo die Rezession bereits eingesetzt hat, als auch fr die brige Welt.

Handelskapitalismus, Industriekapitalismus, Finanzkapitalismus

Geld ist fr die brgerliche Gesellschaft von jeher von essentieller Bedeutung. Als letztes Produkt der Warenzirkulation ist es zugleich die erste Erscheinungsform des Kapitals (Marx 1969, S. 161).5 In ihm manifestiert sich der Geist des Kapitalismus (Weber 1920). Dies zeigte sich zuerst im Handelkapitalismus des 17. und 18. Jahrhunderts, im Kaufmanns- und Wucherkapital (vgl. Sombart 1916). Fr die wirtschaftstheoretischen Systeme jener Zeit, Monetarismus und Merkantilismus, welche im Geld den Reichtum an sich erblickten, galt daher uneingeschrnkt: Kapitalismus ist Geldwirtschaft.6 Im 19. Jahrhundert prgte sich der monetre Charakter der Wirtschaft weiter aus. An die Stelle von Mnz- und Papiergeld treten jetzt jedoch Kredit und Kreditgeld: Die Kreditwirtschaft wird zur adquaten Geldform des Industriekapitalismus. Institutionell dokumentiert sich dies im Aufstieg der Banken (vgl. Bagehot 1920). Dabei zeichnen sich gegen Ende des Jahrhunderts bereits lnderspezifische Unterschiede ab. So waren fr Deutschland ordnungspolitisch Kartelle und Korporationen typisch; als Finanzierungsform berwog der langfristige Kredit. Das Bankwesen wurde nach dem Universalbankprinzip organisiert und orientierte sich am stakeholder- Modell nachhaltiger Gewinnerzielung und Kapitalvermehrung. Dem gegenber entwickelten sich die USA zum Land der Trusts und der anarchischen Konkurrenz (Windolf 2005, S. 13), wozu gehrt, dass sich Unternehmen vor allem am Kapitalmarkt ber Aktien und Anleihen finanzieren und das shareholde-value-Prinzip vorherrscht. Beide Finanzierungsmodelle, das deutsche beziehungsweise kontinentaleuropische bankbasierte und das angloamerikanische marktorientierte System, bildeten eigene Strukturen, Institutionen und Instrumente heraus, die vom Grundsatz her bis heute gelten. Anfangs besa das bankbasierte System die grere Strahlkraft und wurde daher, ausgehend von Deutschland, in anderen Lndern (Italien, Skandinavien, Mittel- und Osteuropa) kopiert. Heute jedoch gilt das marktorientierte System als das fr die Kapitalverwertung effizientere. Die Entwicklung tendiert daher gegenwrtig strker in diese Richtung. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte der Industriekapitalismus eine neue Stufe. Magebend hierfr war die elektrotechnische Revolution, und die damit einhergehende Konzentration und Zentralisation von Kapital. Parallel dazu erfolgte die wirtschaftliche und machtpolitische Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital. Rudolf Hilferding hat diesen Prozess 1910 eingehend beschrieben 7; Wladimir I. Lenin fhrte diese Analyse 1916 fort und konstatierte ein bergewicht des Finanzkapitals ber alle brigen Formen des Kapitals, woraus er die Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligarchie in der Gesellschaft ableitete. Ferner die Aussonderung weniger Staaten, die finanzielle Macht besitzen - als wichtigstes Merkmal des Imperialismus (Lenin 1981, S. 242). Mit der Herausbildung des Finanzkapitals 8 und dessen Omnipotenz in Wirtschaft und Gesellschaft wandelte sich der Industriekapitalismus zum Finanzkapitalismus. Ausgehend von den oben genannten Unterschieden fhrte dieser Wandel zu zwei Varianten finanzkapitalistischer Regulation: Einmal beteiligen sich die Geldkapitalbesitzer durch den Kauf von Aktien direkt am industriellen Kapital. Die Rolle der Banken ist auf die Vergabe von Zirkulationskrediten und die Organisation der Geldzirkulation beschrnkt. Dies ist fr Grobritannien und die USA typisch. Im zweiten Fall dagegen verfgen die Banken ber das Geld der Anleger (Sparer) und verwandeln dieses indirekt, als zinstragendes Geldkapital, in industrielles Kapital. In der Folge verschmelzen Bank- und Industriekapital miteinander und es bildet sich eine von den Banken dominierte Wirtschafts- und Machtstruktur. Diese Variante war fr Deutschland typisch. Praktisch bedeutete dies die Kontrolle der Wirtschaft durch Grobanken, zugleich aber auch deren geld- und kreditgesteuerte Regulierung und die Tendenz zur Umwandlung der anarchischkapitalistischen in eine organisiert-kapitalistische Wirtschaftsordnung (Hilferding 1915, S. 322). Der damit beschrittene Entwicklungspfad stellte zugleich einen Baustein fr die Formierung des Rheinischen Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg dar. Rckblickend lsst sich einschtzen, dass sich das kredit- und bankbasierte Modell fr den forcierten, politisch gesteuerten und kontrollierten Aufholprozess nach dem Zweiten Weltkrieg als auerordentlich effizient erwies. Mit der ffnung der Mrkte jedoch, der Liberalisierung des Gter-, Personen- und Kapitalverkehrs, der Durchsetzung frei konvertierbarer Whrungen und flexibler Wechselkurse, kommt es zunehmend zu Reibungsverlusten. Zunchst international, dann aber auch national. Als Reaktion hierauf erfolgten wirtschaftspolitische Vernderungen, die sich, so kompliziert und vielgestaltig sie im Einzelnen auch sein mgen, im Ganzen als Aufwertung marktlicher Koordinierungsmechanismen begreifen lassen. Damit einher geht die Umgestaltung der Produktionsweise von der fordistischen Massenproduktion zu einem postfordistischen Modell flexibler Fertigung diversifizierter Qualittsprodukte (vgl. Abelshauser 2005, S. 432 ff.). Zu dessen Merkmalen gehrt, dass immer grere Bereiche der gesellschaftlichen Produktion marktfrmigen Steuerungsmechanismen und Finanzkalklen (Drre, Brinkmann 2005, S. 86) berantwortet werden. Der bergreifende gesellschaftliche Umbruch 9 beginnt in Deutschland Anfang der 1970er Jahre. Er wird durch den Zusammenbruch des Weltwhrungssystems von Bretton Woods (1971-1973) und den Umbau der internationalen Finanzarchitektur sowie den geldpolitischen Kurswechsel der Deutschen Bundesbank (1973)10 erheblich forciert. Sowohl die Politik whrend der ra Kohl (1982-1998) als auch die Agenda 2010 sind Versuche, den Umbruch zu bewltigen und interessengeleitet zu gestalten. Dazu gehrt, dass das deutsche Modell des Finanzkapitalismus gegenber dem angloamerikanischen Modell zunehmend an Boden verliert oder, anders ausgedrckt, sich die kapitalmarktbestimmte Variante des Kapitalismus im globalen Mastab durchsetzt. Das heit, in Deutschland vollzieht sich seit den 1980er/1990er Jahren der bergang zum Finanzmarktkapitalismus.

Das aktuelle Modell: Finanzmarktkapitalismus

Gegenber dem traditionellen Finanzkapitalismus, wie er sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Zusammenschluss von Bank- und Industriekapital herausgebildet hat, aber auch gegenber dem bank- und kreditbasierten, korporatistischen und staatlich regulierten Kapitalismus der fordistischen ra der 1950er bis 1970er Jahre verkrpert der gegenwrtige Finanzmarktkapitalismus eine neue Qualitt. Sein Auftreten markiert eine weitere Stufe in der Evolution kapitalistischer Produktionsregime (Windolf 2005, S. 52). Ausschlaggebend dafr ist eine vernderte institutionelle Konfiguration: Die konomischen Beziehungen werden hier nicht mehr durch den Kredit als einem Vertrag zwischen Bank und Unternehmen dominiert, sondern durch die Aktie und damit durch die Funktionsweise des Kapitalmarktes (Brse). Zentrale Akteure in diesem System sind mithin nicht mehr Kreditbanken, sondern Aktionre, insbesondere institutionelle Anleger wie Investmentgesellschaften, Pensionsfonds und Versicherungen. Zentrales Kontrollinstrument sind jetzt die Eigentumsrechte der Aktionre, welche sich bei ihren Entscheidungen von kurzfristigen Renditeerwartungen und den Analysen internationaler Rating-Agenturen leiten lassen. Dem entspricht der Shareholder-Value-Grundsatz. Zugleich trgt diese Entwicklung ausgesprochen globale Zge und ist folglich mit einer Entnationalisierung des Kapitals wie der Kapitalver- und -entwertung verbunden. Ein weiteres Merkmal betrifft die Rolle, den Einfluss und die Machtbefugnisse des Staates und der nationalen Finanzpolitik, welche im Finanzmarktkapitalismus geringer werden. Mit dem bergang zu flexiblen Wechselkursen, der Internationalisierung der Mrkte, der Emission immer neuer Finanzprodukte (Derivate) und dem Trend zur Verbriefung von Verbindlichkeiten erfolgt eine Transformation des Finanzmechanismus, wodurch den nationalstaatlichen Steuerungsaktivitten und finanzpolitischen Instrumenten zunehmend der Boden entzogen wird. Eine Einschrnkung der Rolle des Geldes und monetrer Instrumente generell ist hingegen nicht zu beobachten. Eher trifft das Gegenteil zu, auch wenn die Machtposition bestimmter Institutionen wie der Kreditbanken, der nationalen Finanzaufsicht und des Fiskus gegenber frher geschwcht erscheint. Die starken Positionen haben nunmehr die Akteure an den internationalen Finanzmrkten inne, insbesondere groe und global operierende Kapitalgesellschaften und institutionelle Anleger. Dis wird auch quantitativ sichtbar, indem die Finanzvolumina, die von diesen Akteuren bewegt und kontrolliert werden, den Umfang des Budgets, mitunter sogar des Nationaleinkommens, mancher Staaten bersteigen. Diese Vernderungen sind weit mehr als ein bloer Modellwechsel. Sie bestimmen das Produktions- und Akkumulationsregime, die Art und Weise der Regulierung der gesamtwirtschaftlichen Reproduktion, das Verhltnis von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Mit ihnen geht eine Machtverschiebung einher, sowohl innerhalb einzelner Staaten und Staatengruppen als auch zwischen diesen, zwischen Institutionen, Interessengruppen, Branchen und sozialen Schichten. Die Stichworte hierfr lauten Globalisierung, nicht nur des Handels, sondern auch der Produktion, Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und Kommerzialisierung sowie Monetarisierung so ziemlich aller Bereiche der Gesellschaft. Es handelt sich hierbei um eine Transformation der gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Im Lichte des Varieties-of-Capitalism-Ansatzes erscheint dieser Umbruch als bergang von einer koordinierten zu einer liberalen Marktkonomie (vgl. Hall, Soskice 2001). Im Kontext komparativer Untersuchungen, welche zwischen kontinentaleuropischen und angloamerikanischen Systemen des Finanzkapitalismus unterscheiden, ist die Rede von einer erdrutschartigen Gewichtsverschiebung, welche dazu fhrt, dass ersteres System von der Weltkarte verschwindet und letzterem die Alleinherrschaft zufllt (vgl. Albert 1992). Diese Transformation impliziert einen Bedeutungszuwachs des Geld- oder zinstragenden Kapitals gegenber dem produktiven Kapital. Die Spezifik des Finanzkapitals besteht darin, dass es, obwohl es im Wirtschaftsprozess agiert, Geldkapital ist - auch seiner Verwertungslogik nach, was in der Marxschen Formel G-G' seinen prgnantesten Ausdruck findet. Indem das Geldkapital im Finanzmarktkapitalismus zur bestimmenden Gre wird, wird der volkswirtschaftliche Gesamtprozess der Verwertungslogik des Geldes unterworfen. Das Geld und der Zinsmechanismus bestimmen nunmehr die Funktionsweise des Kapitalkreislaufs insgesamt, das Akkumulationsregime der Gesellschaft. Damit sind eine Reihe substanzieller Vernderungen im Verwertungsprozess des Kapitals verbunden. So kommt es zu einer relativen Entkopplung von Produkt- und Kapitalmarkt (Khl 2003, S. 78) beziehungsweise zu Erscheinungen der Verselbstndigung der monetren gegenber der realwirtschaftlichen Sphre.11 Ausdruck dessen ist eine Ausdifferenzierung der Finanzsphre in unterschiedliche Mrkte, wovon die abgeleiteten, die sekundren und tertiren Segmente, ein immer greres Gewicht erhalten. In seiner ursprnglichen Bedeutung umfasst der Bergriff Finanzmarkt den Geldmarkt als Markt fr kurzfristige Transaktionen von Liquidittstiteln und den Kapitalmarkt als Markt fr langfristige, vor allem der Investitionsfinanzierung dienenden Geldanlangen beziehungsweise Kredite. Heute fchert sich bereits der Geldmarkt weit auf, indem bei den Liquidittstiteln zwischen verschiedenen Liquidittsgraden und Fristen unterschieden wird. Hinzu kommen die Devisen- und Sortenmrkte, welche den Whrungsmarkt bilden.12 Zum Kapitalmarkt zhlen neben den (1) klassischen Kreditmrkten fr Unternehmen, Regierungen und Privatpersonen, (2) der Primrmarkt fr Wertpapiere, auf dem sich Unternehmen und Regierungen durch die Ausgabe von Aktien oder die Auflage von Anleihen ber die Brse direkt beim Publikum finanzieren, (3) der bedeutend grere Sekundrmarkt fr Wertpapiere, auf welchem bereits emittierte Papiere gehandelt, be- und verliehen sowie besichert werden, und (4) der Markt fr abgeleitete Finanzprodukte (Derivate), welche sich vor allem auf Forderungen und Verbindlichkeiten in der Zukunft beziehen beziehungsweise der Immunisierung gegen Zinsund Wechselkursrnderungen dienen (vgl. Huffschmid 2002, S. 25). Auf diese Weise entsteht neben dem primren, produktiven Verwertungsprozess ein sekundrer, spekulativer und grtenteils fiktiver Prozess, der sich durch die Emission und Zirkulation von Derivaten reflexiv vervielfltigt und inzwischen den primren Verwertungsprozess volumenmig bersteigt (Deutschmann 2005, S. 63).13 Es ist dies ein Phnomen, worin sich die fortgeschrittene Trennung von Kapitaleigentum und Kapitalfunktion offenbart, aber auch der Vorrang des Rentiers und Finanzinvestors gegenber dem produktiven Unternehmer (vgl. Deutschmann 2006; Fiehler 2000). Damit werden Erscheinungsformen des fiktiven Kapitals sowie Finanzinnovationen und Derivate wie Optionen, Swaps, Futures, Junkbonds, diverse Commercial Paper, Asset Backed Securities (ABS), Discount-, Basket-, Index und Bonus-Zertifikate, Aktienanleihen usw. zu Schlsselgren fr die Finanzmrkte und ihre Bewegungen, Kursrnderungen usw. zu Auslsern konomischer Ver- und Entwertungsprozesse. 14 In diesem Zusammenhang kommt es zu eklatanten Verschiebungen in den Macht- und Entscheidungsstrukturen: Aktionre und Finanzinvestoren gewinnen an Einfluss, ebenso Analysten, Rating-Experten und Fondsmanager, whrend Industrie- Manager, Kreditbanker und Finanzpolitiker an Macht, Einfluss und Ansehen verlieren. Trotz teilweise rcklufigen externen Finanzbedarfs steigt die Abhngigkeit der Unternehmen von den globalen Finanzmrkten. Dabei tritt die Investitionsfinanzierung gegenber dem spekulativ ausgerichteten Finanzinvestment in den Hintergrund. Dies tangiert selbstverstndlich die Einkommensstrme, mehr aber noch die Vermgensstruktur. So kommt es zu massiven Vermgensumschichtungen und zu einer strukturellen Neuordnung der betrieblichen und privaten Finanzvermgen. Dabei spielen spekulative Verwertungsprozesse, die zur Reichtumskonzentration beitragen, aber auch enorme Entwertungen in und durch Finanzkrisen, wie sie frher nur durch Kriege ausgelst wurden, eine zunehmende Rolle. Zugleich wird die finanzielle Vermgenssituation der privaten Haushalte, deren Liquiditt und Performance, immer mehr zur bestimmenden Gre fr die soziale Differenzierung und Polarisierung in der Gesellschaft, fr gesellschaftlichen Auf- und Abstieg wie fr Wohlfahrt und Sicherheit.

Please be aware that the free essay that you were just reading was not written by us. This essay, and all of the others available to view on the website, were provided to us by students in exchange for services that we offer. This relationship helps our students to get an even better deal while also contributing to the biggest free essay resource in the UK!